VERGLEICHENDE STUDIE ZU KLINISCH RELEVANTEN BELASTUNGSFAKTOREN UND BELASTUNGSKOMPLEXEN BEI MUSIKSTUDENTEN UND BERUFSMUSIKERN

Seidel, E. J.*; Höpfner, R.; Lange, E.

* Sophien- und Hufeland-Klinikum Weimar, Zentrum für Physikal. und Rehab. Medizin
** Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar, Institut für Musikpädagogik und Musiktheorie
- Musikphysiologie Sophien- und Hufeland-Klinikum Weimar,
Hans-Wahl-Straße 1, 99425 Weimar, Tel. 03643/202617, Fax. 03643/202618

Berufskrankheiten von Musikern sind in den letzten 10 Jahren mehr und mehr in den Blickpunkt der interessierten Ärzte gerückt. Die meisten dieser gesundheitlichen Probleme sind auf physische oder psychische Überlastungen durch die Berufsausübung zurückzuführen. Jahrelanges intensives Training, Zwang zur Perfektion, zuverlässiges Funktionieren in der Öffentlichkeit, Lampenfieber, Konkurrenzdruck und unsichere Berufsperspektiven sind als Ursache für die Entstehung von Berufskrankheiten bei Musikern zu betrachten. Aufgrund der zunehmenden Konfrontation mit derartigen Funktionsbehinderungen bei Musikern und Musikstudenten führten wir eine vergleichende Studie zu klinisch relevanten Belastungsfaktoren und Belastungskomplexen durch. Es wurden jeweils statistisch zufällig ausgewählte 100 Personen (Musikstudenten und Berufsmusiker) mittels eines standardisierten und validierten Fragebogens befragt. Die Instrumentalzusammensetzung entsprach den Immatrikulationsraten bzw. der Orchesterzusammensetzung. Eines der überraschendsten Ergebnisse dieser Studie ist der hohe Anteil von Musikstudenten (85 %), welche in ihrer musikalischen Tätigkeit von Ängsten beeinträchtigt werden. Bei Berufsmusikern / Orchestermusikern betrug dieser Anteil immerhin noch 60 %. Bei dem Organsystem standen mit über 57 % die Beschwerden des Stütz- und Bewegungssystems im Vordergrund, gefolgt von dem Gehör mit durchschnittlich 33 %, dann das Nervensystem. Von den Belastungskomplexen, die analysiert werden konnten, bestanden vorrangig Beschwerden im Bereich der Wirbelsäule (44 %) und der Hand- und Fingergelenke (17 %). Orchestermusiker leiden im Vergleich zu Musikstudenten häufiger an Beschwerden im LWS-Bereich. Auffallend hoch der Alkohol- und Analgetikakonsum in der befragten Gruppe der Studenten und Orchestermusiker. Mehr als die Hälfte der Orchestermusiker trinken täglich bzw. mehrmals wöchentlich Alkohol (56 %), wobei der Alkohol- und Analgetikakonsum eng mit der Häufigkeit von Beschwerden am Stütz- und Bewegungssystem korreliert. Während bei Studenten der Analgetikakonsum im Vordergrund steht, favorisieren über die Hälfte der Orchestermusiker Alkohol als Problemlöser von Ängsten und Beschwerden am Stütz- und Bewegungsapparat. Interessant bei der Analyse der Beschwerden am Stütz- und Bewegungsapparat von Studenten die enge Korrelation mit der musischen Ausbildung der Eltern, hier steht sicher ein Erwartungsdruck durch das Elternhaus bei der Ausprägung von psychischen und physischen Beschwerden im Vordergrund. Einzelanalysen mit Auswertung der Arbeitsplatzgestaltung (Kriterien der Instrumentenauswahl, der Zusammensetzung von Instrumentengruppen nach psychischen und physischen Beschwerden und Körperbaumaßen) werden in den Abbildungen zum Kongreß dargestellt. Besonders deutlich war die Korrelation der Häufigkeit der sportlichen Betätigung und dem Auftreten von Beschwerden am Stütz- und Bewegungsapparat. Musikstunden, welche mehrmals wöchentlich sich sportlich betätigen, haben eine um 50 - 60 % geringere Beschwerderate am Stütz- und Bewegungssystem. Fortsetzung b. w. Zusammenfassend kann man feststellen: 1. Jeder zweite Student und jeder zweiten Orchestermusiker leidet unter Beschwerden, die im Zusammenhang mit dem Spiel eines Instrumentes stehen. Mindestens jeder zweite Befragte gibt an, Beschwerden an Stütz- und Bewegungsapparat zu haben. Besonders betroffen davon sind die Tasteninstrumentalisten und hohen Streicher. Die Beschwerdehäufigkeit steigt nicht mit zunehmendem Alter, wobei dies nach unserer Meinung auf frühzeitige Berufsausstieg zurückzuführen ist. 2. Professionelles Musizieren und damit verbundene Ängste wirken sich bei Studenten wesentlich stärker aus als bei Orchestermusikern. Psychisch am stärksten belastet sind die Gruppen der Taster, der hohen Streicher und Holzbläser. 3. Jeder dritte Orchestermusiker klagt über Probleme. 4. Für ergonomische Überlegungen besteht beim überwiegenden Teil der Befragten kein Problembewußtsein. Daher spielen beim Erwerb des Instrumentes bzw. der Gestaltung des Arbeitsplatzes Gesichtspunkte dieser Art kaum eine Rolle. Ein Zusammenhang zwischen Geschlecht, Körperbau und sportlichen Aktivitäten einerseits und der Beschwerdehäufigkeit andererseits konnte nachgewiesen werden und wird in zukünftigen Studien intensiver analysiert werden. 5. Es müssen intensivere Arbeiten zur Erforschung von Therapie- und Präventionskonzepten bei Musikern durchgeführt werden. diese müssen bereits im Studium an der Hochschule integraler Bestandteil des Ausbildungskonzeptes werden.